Der Darm und die Darmbakterien

Das Gehirn im Darm

Jahrzehntelang wurden Menschen belächelt, die sich mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen haben als auf den Kopf. Die Forschungen der letzten Jahre haben aber gezeigt, dass wir die Bedeutung des Bauch- oder besser Darm-Hirns gar nicht hoch genug einschätzen können.

Das Darm-Hirn ist das zweitgrößte Nervensystem des Körpers

Der Darm ist mit mehr als 100 Millionen Nervenzellen eine eigenständige Schaltzentrale im Körper. Nur unser Gehirn enthält mehr Nervenzellen. Einfache Lebewesen, wie zum Beispiel Regenwürmer, verlassen sich fast ausschließlich auf das Nervensystem im Darm. Dieses System wurde im Verlauf der Evolution bis heute in seinen Grundzügen beibehalten – auch bei uns Menschen. Die Hauptaufgabe dieses Nervensystems besteht darin, die Verdauung zu regulieren, das heißt die Darmtätigkeit zu steuern.

Das Darm-Hirn und das Kopf-Hirn sind sich sehr ähnlich

Ein klarer Beleg dafür ist die Entwicklung des Embryos im Mutterleib: Das Nervensystem im Darm entsteht aus demselben Gewebe wie das Nervensystem im Kopf. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ,,Darm“- und „Kopf-Hirn“ ganz ähnlich aufgebaut sind. Sämtliche Nervenzelltypen des Kopf-Hirns existieren auch im Darm. Und alle Botenstoffe (Dopamin, Serotonin und 28 andere) des Gehirns strömen auch durch den Darm. Mehr noch: 95% des Serotonins in unserem Körper werden im Magen-Darm-Trakt produziert.

Die Kommunikation zwischen Kopf und Bauch

Wie der Name schon sagt, sind Botenstoffe Übermittler von Informationen. Mit ihrer Hilfe tauschen Kopf-Hirn und Darm-Hirn Informationen aus. Nur etwa 10 % der Informationen, die übermittelt werden, fließen vom Kopf-Hirn in den Darm, 90 % hingegen sendet das Darm-Hirn an das Kopf-Hirn.

Eine wesentliche Verbindung für diese Übermittlung ist der Vagusnerv, der an der Regulierung fast aller innerer Organe beteiligt ist.

Zusätzlich zu den Nervenbahnen nutzen Darm-Hirn und Kopf-Hirn noch andere Wege, um Informationen auszutauschen – zum Beispiel viele Darmhormone und Botenstoffe des Immunsystems.

Das Darm-Hirn und sein Einfluss auf unsere Gefühle

Zwischen Darm und Gehirn gibt es also einen riesigen Austausch an Informationen. So gelangen ständig auch Informationen aus dem Darm in das limbische System , das für unsere Gefühle zuständig ist. Signale aus dem Magen-Darm-Trakt können also unsere Stimmungslage, Stressanfälligkeit, Emotionen, kognitive Prozesse, unseren Appetit und unser Immunsystem beeinflussen.

Unsere Alltagssprache gibt noch weitere Anhaltspunkte für einen engen Zusammenhang zwischen dem Magen-Darm-Trakt und unserem Verhalten. Etwas schlägt uns auf den Magen, wir haben ein komisches Gefühl im Magen oder ein gutes Bauchgefühl.

Auch anders herum funktioniert die Kommunikation. So erreichen Stresssignale aus dem Gehirn auch den Darm und setzen die Darmwand in Bewegung. Wir bemerken das am Stuhldrang. In der Alltagssprache würden wir sagen, dass wir „Schiss bekommen“. Die Sendung von Stresssignalen vom Hirn in den Darm könnte auch eine Erklärung für die Entstehung eines Reizdarmsyndroms sein, vermuten Wissenschaftler.

Die Darmmikrobiota – ein wichtiger Informationsträger

In jeder Sekunde ertasten die Nerven des Darm-Hirns, welche Bakterien sich gerade im Darminneren vermehren und welche Substanzen dabei entstehen. Zahlreiche dieser Substanzen sind Signal- und Botenstoffe, die an das Kopf-Hirn gesendet werden. So hat auch und gerade die Darmmikrobiota einen großen Einfluss auf unsere Emotionen und unser Wohlbefinden.

Die Darmbakterien und ihr Einfluss auf das Verhalten

In Versuchen an Mäusen haben Wissenschaftler festgestellt, dass bestimmte Bakterien im Darm die Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn beeinflussen können. In einem Experiment wurde eine Gruppe mit Mäusen ganz normal gefüttert, die zweite Gruppe bekam Probiotika. Diese zweite Gruppe Mäuse hatte anschließend deutlich weniger Stresshormone im Körper.

Probiotika Verhaltensexperiment

Das Verblüffende: Die mit Probiotika gefütterten Mäuse zeigten dadurch auch ein ganz anderes Verhalten. Während Mäuse normalerweise in dunklen Ecken Schutz suchen, handelten die Mäuse mit veränderter Darmflora und weniger Stresshormonen deutlich mutiger: Sie erkundeten jeden Winkel und auch die offenen, hellen Bereiche des Versuchslabors.

In einem Versuch an der Universität Ontario wurde der Einfluss der Darmmikrobiota auf das Verhalten bei Mäusen bestätigt. Dort transplantierten die Forscher Darmmikroben von draufgängerischen Mäusen in den Darm zaghafter Mäuse und umgekehrt – beide Mäusegruppen änderten anschließend ihr Verhalten.

Ob die Darmbakterien ähnlich starke Auswirkungen auf das menschliche Verhalten haben ist noch nicht erforscht. Aber sicher werden Wissenschaftler das bald genau untersuchen.